Ein verdammt geiles Gefühl

… den ersten eigenen Roman in Händen zu halten.

Meine F-Shop-Bestellung mit den zwei Exemplaren von Flammenmeer ist eingetroffen. Hatte extra dort welche bestellt, da es mit den Belegexemplaren vom Verlag sicher noch ein Weilchen dauert. Außerdem, 9 Euro für einen solchen Roman… *hüstel* 😎

Nächste Woche hab ich erstmal ein paar Tage Urlaub und da warten dann gleich zwei Schreibprojekte auf mich: Zum einen steht ein LodlanD-Abenteuer für das Scientia/Kobe-Uppland-Quellenbuch (erscheint 2008) auf dem Plan. Zum anderen arbeite ich mich in ein weiteres Rollenspiel ein, da ich mich dort ebenfalls schreiberisch betätigen werde. Aber dazu mehr in ein paar Wochen, sobald ich mich da durchgeackert hab. *g*

Jonas´ Reise – Teil 4

Alle bisherigen Teile von „Jonas´ Reise“ finden Sie in der Übersicht.

Er hörte ein Schlurfen und mehrere Stimmen hinter der fadenscheinigen Tür, dann wurde sie zaghaft einen Spalt weit geöffnet. Die Rollen quietschten, als die Tür ein Stück in die Wand hinein geschoben wurde. Der Hausmeisterservice hier unten war sicherlich exquisit. Ein Schwall verbrauchter Luft schlug Jonas entgegen, dann kam ein „Wer´n da?“ grummelnd aus dem Dunkel.
„Gutwach“, gab er mit fröhlichster Stimme zurück. „Philipp Heimeblau mein Name, Tagelöhner-Anwerber. Ist Sebastian da? Ich hätte einen Job für ihn…“
Hektische Geräusche aus dem Dunkel, ein gehetztes „Komme gleich“, dann wurde die Tür abrupt zugezogen. Einen Anwerber wollte man doch nicht warten lassen. Keine dreißig Sekunden später kam ein junger Mann aus der gut fünfzehn Quadratmeter großen Wohnung, die spartanisch mit drei Doppelbetten, einem Schrank und einem Mini-Klo ausgestattet war. Übliche Heimstatt für die billigen Arbeitskräfte hier unten. Waren sie hier sogar schon auf Schichtschläfer-Niveau herabgesunken oder hatte wenigstens jeder „sein“ Bett? Müßig.
„Was für Arbeit hamm se denn?“
Jonas richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der wie eine halb ausgewachsener Fisch zwischen Jugendlichem und Erwachsensein steckte. Da seine Haare mit Tonnen von Gel als Platte gestylt waren, beschloss Jonas, ihn Scholle zu nennen.
Jonas zauberte sein freundlichstes Lächeln auf sein Gesicht und bemühte sich, in seinem weiten Mantel so geschäftsmäßig wie möglich zu wirken.
„Umzugs- und Renoveriungshilfe. Schleppen, abbauen, aufbauen … kannst du doch, oder?“
Angst blitzte in Scholles Augen auf. Wer hier lebte, brauchte Geld. Immer. „Klar, klar, bin stark und gut“. Und so eloquent, fügte Jonas im Geist hinzu. Scholles Stimme überschlug sich beim Reden. Wie alt war der Kerl im einfachen Blaumann mit dem Teller als Haare? Siebzehn? Und schon Unten? Oder immer noch?
Jonas schlug ein und ging dann lachend den Flur hinunter, woraufhin sich die treue Scholle sofort an seine Fersen heftete. „Perfekt. Du bist perfekt für den Job. Ich bring´ dich gleich hin.“

Achttausend ähnlich aussehende Gänge mit verlumpten Bettlern, dem Geruch von Drogenküchen in der schlecht umgewälzten Luft und ganzen Rinnsalen an Kondenswasser an verschmierten Gangwänden später, bogen Jonas und Scholle ein weiteres Mal ab. Und waren am Ziel. Jedenfalls an Jonas´. Er ging zügig zur verbeulten Tür des öffentlichen Duschraums, auf der im Moment ein großer „Geschlossen wegen Sanierung“-Zettel prangte. Eine für gut 300 LEX erkaufte Zahlenkombination später standen sie im gekachelten Umkleidebereich der öffentlichen Sanitäranlage. Zu Stoßzeiten konnten hier gut zweihundert Menschen gleichzeitig duschen, sich rasieren oder was man sonst hier Unten noch unter Hyginie verstand tun. Es waren schlicht zu wenige der Mini-Wohnungen hier mit Duschen gesegnet, daher hatte die Stadt diese Sääle eingerichtet. Schon, um Seuchen vorzubeugen.
Dutzende Plast-Kisten standen an den Wänden gestapelt, die Arbeiten sollten übermorgen beginnen. Ein Blick auf die bisherigen Armaturen und Duscheinrichtungen bestätigte das Bild, eine Sanierung war mehr als überfällig. Außerdem waren bald wieder Wahlen, da machte es sich sowas immer gut. Jonas schüttelte den Kopf, schaltete das Licht ein und ging tiefer in den Raum hinein. Scholle folgte ihm.
„Hier? Ich darf bei der Sanierung mithelfen?“ Helle Freude in der Stimme. Machte sich bestimmt gut bei den Prahlereien mit den Kumpels, bei etwas mitzuarbeiten, was in aller Munde war.
„Hab ich doch gesagt, dass es dir gefallen wird. Hab nur Gutes über dich gehört, Sebastian.“
Scholle machte einen Schritt zurück und Mißtrauen blitzte in seinem Gesicht auf. „Von wem?“
Mist, etwas zu dick aufgetragen. Jonas´ Gedanken rasten.
„Na, von deinem letzten Chef“, sagte er aufs Geratewohl. Offensichtlich falsch, denn Scholle drehte sich um und wollte wegrennen. Jonas seufzte, zog den Taser aus der Jacke und schoss dem jungen Mann in den Rücken. Scholle fiel vornüber auf die dreckigen Kacheln und tanzte den Elektrotanz. Als die Tasernadeln ihre Ladung abgegeben hatten, blieb er röchelnd liegen.

Jonas stellte den Drehknopf auf eiskalt und das Wasser an. Ein Blubbern in den altersschwachen Leitungen, dann kam erst rostig braunes, dann halbwegs klares Wasser aus dem Duschkopf und durchnässte Scholle. Wobei das binnen Sekunden nicht mehr ganz passte, das billige Haargeld gab Fersengeld und aus Scholle wurde Platschkopf. Auf jeden Fall ein wacher. Der Mann prustete, schüttelte sich und schrie. Jonas schlug ihm ins Gesicht, die Sandschicht im Handschuh dämpfte den Schlag. Jedenfalls für ihn, für Sebastian war er dadurch umso kraftvoller. Jonas stellte das Wasser ab und beugte sich zum Gefesselten herunter.
„Schrei ruhig, hier kann dich keiner hören.“
Der Angesprochene warf sich mit aller Gewalt in seine Fesseln, aber die Stahl-Handschellen gruben sich dadurch nur umso tiefer in Knöchel und Handgelenke. Das Spiel dauerte gut eine Minute, dann gab Sebastian auf und sah ihn mit zitternder Unterlippe an, schwankte zwischen Hass und Panik.
Dann wollte er diese Energie mal in auskunftsgebende Bahnen lenken.

Jonas´ Reise – Teil 3

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Jonas´ Reise – Teil 3

Jonas nickte dem gelangweilten Kellner hinter der Theke zu, der mittlerweile ein Loch in die Bar poliert hatte. Ob ihm die Haare wegen der schrecklich hämmernden Musik in alle Richtungen abstanden? Nicht auszuschließen. Er nahm den Mini-Faltbildschirm aus der Tasche, zog ihn auseinander und ließ Emilie ein paar Runden in ihrem neuen Kleid drehen, dass er ihr vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Der Barkeeper schaute auf das Video, zu Jonas und zurück, dann zuckte er mit den Achseln.
„Was ist mit der Kleinen?“
„Sie soll häufiger hier gewesen sein. Mit wem? Und wann das letzte Mal.“
Der Barkeeper scannte ihn regelrecht, hinter der Stirn arbeitete es offensichtlich.
Jonas erleichterte die Gedankengänge mit einem 200-LEX-Schein, den Zottel zügig in seiner Hose verschwinden ließ.
„Letzten Samstag mit ein paar anderen Typen in ihrem Alter. Haben ganz harmlos gefeiert, aber je später der Abend, desto heftiger haben sie gesoffen.“
Jonas fixierte den Barkeeper. „Mann, lass dir nicht jedes Wort einzeln aus dem Schott ziehen!“
Zottel hob abwehrend die Hände. „Mach hier nicht den Okto-Pete, Alter. Chilly!“
Jonas würde ihm gleich „Chilly“ geben!
„Haben sich so richtig zulaufen lassen und ein paar ihrer Freunde sind ziemlich abgetickt. Haben die dann um 02 Uhr vor die Tür gesetzt. Wo die danach hin sind, weiß ich nicht…“
Das Wort „aber“ lag regelrecht in der Luft.
Jonas seufzte und legte einen weiteren Zweihunderter auf den Tisch. Gut vier Stundenlöhne in fünf Minuten verdient, guter Deal für Zottel.
Der Schein wanderte schnell zu seinem Verwandten und der Barkeeper lächelte. „Aber … ich kann dir die Adresse eines ihrer Freunde geben. Hatte hier eine Woche vorher einen Spiegel kaputt gemacht, daher haben wir die Personalien aufgenommen.“

Jonas zog den Mantel enger und versicherte sich zum dritten Mal in fünf Minuten, dass sein Taser, eine Pistole mit Strom-Betäubungspfeilen, geladen war. Lod5, das „Unten“. Lod war mit der Zeit in die Tiefe gewuchsen, in den Fels hinein. Und die Grundregel für Besucher war einfach: Je tiefer, desto schäbiger. Und er war verdammt tief. In den Ebenen der Kleinkriminellen, Tagelöhner und Drogenküchen. Da hatte sich Emilie ja wahrlich nette Freunde ausgesucht. Jonas´ Schritte hallten dumpf auf dem Stahlgitter des Gangs, ein fauliger Geruch stieg von der Brühe hoch, die darunter umher schwappte. Eine Schlange hatte sich vor einer Ausgabestation der Grünen Alge gebildet. Speisung für die Armen. Mutig von den Grünalgen, hier unten freiwillig zu arbeiten. Mutig und dumm. Wäre nicht das erste Mal, dass eine Armenstation wegen der Vorräte und Medikamentenschränke überfallen wurde. Hier unten ließ sich das Departement fast nie blicken und wenn, dann nur in Garnisonsstärke.
Jonas beschleunigte seine Schritte, bog in eine Seitengasse des unterirdischen Labyrinths ein und sah sich plötzlich einer Gruppe von jugendlichen Schlägern gegenüber, die einen Bettler zu Boden traten. Ein schwerer Stiefel krachte gegen das verdreckte Gesicht des Alten, die zerrissenen Lumpen sogen sich augenblicklich mit dem Blut der dicken Platzwunde voll. Zwei der Jungs schnellten zu ihm herum und taxierten ihn. Jonas ging zügig weiter, hörte hinter sich das Geräusch dumpfer Schläge und das Knacken von Knochen. Traurig, aber Alltag hier unten. Wenn er geholfen hätte, wäre er es, dem jetzt die Knochen gerichtet würden. Hier Unten kam man ohne Unterstützung einer Gang nicht weit, Taser hin oder her.
Zwei Abbiegungen später stand er vor Wohnungstür Nummer 124 und trat dezent gegen das verbeulte Fußblech der Tür. Wer hier auf das Funktionieren von Klingeln vertraute, dem war nicht mehr zu helfen.

Jonas´ Reise – Teil 2

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Jonas´ Reise – Teil 2

Jonas nahm einen tiefen Schluck Cidration, ließ das Algenbier die Kehle hinunterrinnen und seufzte laut auf. Nicht, dass es im Lärm der Kneipe jemand gehört hätte. Fast alle Gäste der gutbesuchten Sportbar schauten zur Übertragung der heutigen SpoHa-Partie. Leviathans gegen Algerdykerren, die Arbiträer würden mit den Uppländern den Boden aufwischen, das war jedem Anwesenden klar. Aber es war ein guter Grund, bereits jetzt ein Algenbier zu trinken und Fünfe gerade sein zu lassen. Jonas drehte den Kopf wieder zu Sebastien auf der anderen Seite des Tischs.

„Warum glaube ich bloß nicht, dass das ein freundschaftliches Besäufnis ist, zu dem du mich eingeladen hast?!“
Sebastien zuckte kurz zusammen, seufzte und schaute Jonas aus tiefen, traurigen Augen an.
„Erwischt.“ Er zögerte, dann: „Es geht um Emilie.“
Es musste Monate her sein, dass er die Tochter des Kneipenbesitzers das letzte Mal gesehen hatte. Ein lebenslustiges Mädel mit den wachen Augen ihrer Mutter gesegnet. Energiebündel. Und für ihre 18 Jahre nett anzusehen. Jonas lachte innerlich auf. Ein solcher Gedanke von jemandem, der die 40 bereits Jahre hinter sich gelassen hatte.
Jonas nickte, bedeutete fortzufahren.
„Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen. Keiner hat sie gesehen, ich habe überall herumgefragt.“ Tränen schimmerten in den Augen des Mannes. Jonas nickte. Er hatte Sebastien noch nie so gesehen. Der Hai von einem Mann hatte kampflustige Stawaner mit bloßen Händen aus seiner Bar geschmissen und mit gebrochenen Rippen noch zwei Arbiträer fertig gemacht. Aber Emilie bedeutete Sebastien alles, seitdem seine Frau bei einem Piratenüberfall vor zwei Jahren getötet worden war. Harte Zeiten. Er nahm einen weiteren Schluck des grünlichen Bieres.
„Erzähl mir alles, was du weißt“. Er würde helfen. Ehrensache für jemanden, der „Problemlöser“ in seiner Visitendatei stehen hatte.

In Gedanken versunken bahnte sich Jonas seinen Weg durch den Sündenpfuhl – Lod3, die mittlere Kuppel der Hauptstadt. Nullebene, Hauptstraße, brechend voll, zu jeder Uhrzeit. Jonas ließ sich mit dem Strom treiben, vorbei an aufmerksamkeitsheischenden Theatern, Strip-Bars und Drömhusens. Ob wohl der neue Film von Funda Fiel dort schon lief? Er würde nachsehen. Später.
Sebastien hatte ihm kaum etwas sagen können. Seine Tochter hatte sich in den vergangenen Monaten regelrecht von ihm abgenabelt, ließ ihn nicht mehr an ihrem Leben teilhaben. Kein allzu abnormaler Vorgang bei einer jungen Frau. Auch nicht, dass sie sich für längere Zeit nicht mehr hatte blicken lassen. Aber dass sie ihr Konto bis zum letzten Lex geplündert hatte und die Abschiedsuhr der Marine ihres Vaters ebenfalls weg war, stimmte dann schon bedenklich. Es sah der ehrlichen, vielleicht etwas naiven Emilie nicht ähnlich. Und er hatte dieses Kribbeln in der Nase. Es würde schuppig werden.

Um 100 LEX ärmer betrat Jonas Lod Brei. Die Disco hatte ihren lächerlichen Namen vormerklich der dauerlallenden Gästeschar zu verdanken, es war No-Brain-Unterhaltung, wie die Scientianer sagen würden. Was wohl heute auf dem Programm stand? Die Wahl zur Miss Oberweite oder doch zum Mister Knackarsch? Die Massen waren berechenbar. Wer einfache Unterhaltung im von Beats untermalten Ambiente suchte, kam ins Lod Brei. Der Laden war schlecht besucht, kein Wunder, es war gerade erst Mitte der zweiten Schicht. Vor Schichtende war es in den Discotheken selten voll. Das Drei-Schicht-System, das den Tagesablauf in Lod bestimmte, sorgte dafür, dass stetig jemand ins Bett ging während ein anderer sich auf den Weg zur Arbeit machte und ein Dritter seine Freizeit genoß. Lod schlief nie.

Er hatte sich etwas umgehört. Emilie hatte wenige Freunde, war etwas eigenbrötlerisch, womit sie nach ihrem Vater kam. Aber in ihrer Berufsschulklasse erzählte man sich, dass sie sich im Lod Brei ab und an etwas dazuverdiente. Natürlich ohne dass es Daddy wusste. Nicht gerade die Arbeitsstelle, die man gerne herumerzählte. Beim Servieren an den Arsch gepackt zu werden, war hier noch die harmloseste Anmache.

Jonas wich einem Besoffenen aus, der ihm im engen Eingangsbereich der Disco entgegentaumelte und stemmte sich gegen die akkustische Wand, die ihm entgegenhämmerte. Wummernde Bässe ließen seine Zähne vibrieren, als er die letzte Zwischentür passierte und direkt in der Haupthalle der Disco herausgespült wurde. Eine große Tanzfläche in der Mitte, drumherum Sitzecken und eine Bar samt kleiner Bühne. So weit, so einfallslos. Zu dieser Uhrzeit war auf der Tanzfläche kaum etwas los, was den DJ nicht störte, er jagte die Lautstärke stetig auf neue Höhen. Die meisten Gäste lümmelten in den Sitzecken oder saßen an der Bar. Wenn sie nicht gerade davor lagen. Jonas atmete tief durch, was er sofort bereute. Die Luftumwälzer der Disco waren wohl im Urlaub, grauenhaft. Dabei waren sie gerade mal vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, das bekamen sie ja sogar in Stawa besser hin. Er schüttelte den Kopf und ging außen an der Tanzfläche umher zur Bar. Irgendwer würde sich hier wohl an die hübsche Emilie erinnern. Dafür würde er sorgen.

Jonas´ Reise – Start und Teil 1

„Jonas´ Reise“ ist eine in unregelmäßigen Abständen fortgeführte Geschichte in der Welt von LodlanD (siehe Veröffentlichungen und LodlanD-Homepage). Ich möchte mit „Jonas´ Reise“ etwas experimentieren: Die Geschichte entsteht „on the fly“, also ohne vorheriges Durchplotten, ich möchte die Geschichte einfach sich selbst tragen und treiben lassen. Feste Veröffentlichungstermine wird es nicht geben, Ziel ist einmal die Woche, aber ich lege mich da auf nichts fest. Auch über die Länge mache ich mir erstmal keine Gedanken – irgendwo zwischen längerer Kurzgeschichte und kurzem Roman. 😎 Und nun viel Spaß mit Teil 1 von „Jonas´ Reise“. Die Kommentarfunktion ist auch in diesen Beiträgen aktiv, Feedback ist natürlich stets willkommen. Da es sonst nach einiger Zeit unübersichtlich wird, werden alle Teile von „Jonas´ Reise“ in einer eigenen Kategorie getaggt, so dass man sich nicht durch alle Blog-Beiträge suchen muss.

Jonas´ Reise – Teil 1

Jonas genoss den Augenblick. Die Hände flach am Körper stand er einfach still inmitten des Menschenstroms und nahm wahr. Den Geruch nach Salzwasser und Maschinenöl. Das Kreischen der Deckenkräne. Es wurde nur noch übertönt vom vielstimmigen Gewirr der Zehntausenden, die sich gerade im Innenhafen von Lod aus ihren Schiffen quetschten, um der Hauptstadt der zivilisierten Welt einen Besuch abzustatten. Oder wie er nach Hause zu kommen. Der stählerne Boden unter seinen Füßen vibrierte im Takt tausender Stiefel. Oder war es der Herzschlag dieser Metropole, die Hunderttausenden Heimstatt war?

Jonas reihte sich in den Menschenstrom ein, ließ sich treiben. Gepäck am Fließband abholen. Quengelige Kinder, die, endlich aus der Enge des Lod-Waters-Orcas befreit, ihren Bewegungsdrang stillen wollten. Die Orcas waren das Massentransportmittel schlechthin: Menschen wohin man blickte, auf engstem Raum beieinander, wurden in diesen gigantischen U-Booten durch die Weltmeere geschippert. Immer die Haupthandelsrouten entlang, die sternförmig ihren Ursprung alle in Lod hatten. Und ihr Ziel.

Er trat auf die Promenade, unter ihm breitete sich das Schauspiel von Schacherstadt aus. Marktstände wohin man blickte, fein gekleidete Geschäftsmänner neben Fischfrauen und Strömen an Touristen. Farbenfrohe Uppländer. Grimmig daherstapfende Stawaner. Streitlustige Arbiträer. Sie alle waren gekommen, Lod zu sehen. Er hingegen kam einfach nach Hause. Mit der geübten Bewegung eines Lodt sprang er in den PTIV – einen Endlosaufzug – und ließ sich auf eine höhere Ebene tragen. Nur wer zuviel Zeit hatte, drängelte sich durch die Marktebene. Einheimische kürzten über die höhergelegenen Ebenen ab, um an ihr Ziel zu kommen.

Die Stadt hatte ihn wieder. Die PTIS-Bahn ratterte in ihrer Schiene, die Gäste schaukelten im altbekannten Takt, der den Lodt in Fleisch und Blut übergegangen war. Jonas seufzte und strich sich über das Gesicht. Er freute sich auf sein eigenes Bett. Das Leben als umherziehender Mann für alle Fälle war ja ganz nett. Aber es ging nichts über die eigene Matratze, von fleißigen Uppländern per Hand hergestellt, fast unbezahlbar. Aber der Mensch verbrachte ein Drittel seines Lebens im Schlaf, da war etwas Dekadenz ruhig angebracht. Ein kleines Mädchen mit hellblonden Haaren schaute ihn vom gegenüberliegenden Sitz schüchtern an, ihre Hände umklammerten einen lila Oktopus. Er hatte schon mehrere Kinder im Orca damit spielen sehen. War wohl gerade in. Er lächelte die Kleine freundlich an, was ihre Mutter dazu veranlasste, schleunigst ihren Arm um sie zu legen. Sein Charme ließ wohl nach. Oder er sah so übermüdet aus wie er sich fühlte.

Das Adrenalin der Wiederankunft flaute langsam ab und Jonas schlurfte über den Gang von Lod2. Der Spitzname „Schlummerkugel“ kam nicht von ungefähr. Der Durchschnittslod wohnte in Lod2, einer der Hauptkuppeln von Lod. Wenn er es sich halbwegs leisten konnte. Wenn nicht, dann war seine Wohnung eben unterirdisch, im nicht enden wollenden Ganggewirr von Lod5, wo es schlechter wurde, je tiefer man hinabstieg. Die Bevölkerung von Lod war in den letzten Jahrzehnten stetig angewachsen, zusätzlicher Wohnraum war nur durch massive Erweiterung der Stadt möglich gewesen. Und da der Bau einer Kuppel ein Investment im Milliarden-LEX-Bereich war, grub man lieber in die Tiefe und Breite im unterirdischen Bereich. Außerdem hätte es nur das althergebrachte Design von Lod zerstört, wenn man neben die bisherigen Kuppeln eine weitere auf den Boden des Meeres geflanscht hätte.

Jonas zog seinen Koffer immer weiter über den beigefarbenen Flur, stets gleich aussehende Türen zogen an ihm vorbei. #313. Er war zuhause. Das Sensorsystem hatte ihn bereits erkannt und öffnete mit einem Zischlaut die Türen, ließ sie seitlich in der Wand verschwinden. Gähnend zog er seinen Koffer in die Wohnung, ließ den Mantel auf das Uppland-Imitat-Sofa fallen und verschwand im drei Schritte entfernten Bad. Es war immer schön, nach Hause zu kommen. Außerdem war es nach der Enge im Orca schön, endlich mal wieder Platz zu haben. Fünfzehn Quadratmeter ganz für sich allein. Bescheidender Wohlstand, Gutbürgertum.

Der Küchenvollautomat piepste und Jonas unterbrach seine Tätigkeit des Kofferausräumens. Drei Häufchen Wäsche auf dem hellblauen Bettbezug zeugten von seiner Arbeit der letzten Minuten. Dringend zu waschen, halbwegs tragbar, fast frisch. Der erste Haufen war zu groß. Er seufzte und notierte sich geistig, morgen einen Waschtag einzulegen. Er entnahm einen Pott dampfenden Algenkaffees aus der Klappe des Automaten und rief über den integrierten Bildschirm seine Mails ab. Einhundertfünfzig Nachrichten. Ohne die im Spam-Ordner. Er war zu lange weg gewesen. Jonas nahm einen tiefen Schluck Kaffee, ließ das warme Gebräu wohlig warm die Kehle hinunterrinnen und machte sich seufzend daran, die Nachrichtenflut zu ordnen. Es war doch immer wieder schön, nach Hause zu kommen.