Jonas´ Reise – Teil 6

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Das Wasser plätscherte an ihm herunter, umspülte die Muskeln, entfernte den Schweiß und Geruch der in Lod allgegenwärtigen Enge. Und doch fühlte er sich dreckig. Sebastians Tod ging ihm immer noch nach. Jonas lehnte sich an die Wand der Duschkabine, stellte das Wasser eine Portion heißer ein und schloss die Augen. Der kleine Raum füllte sich mit Dampf, die heiße Therapie schälte ihm fast die Haut herunter. Jonas schaltete innerlich ab. Verpackte die Bilder von Sebs Tod in kleine Päckchen, schnürte sie gründlich zu und stieß sie in eine gedankliche Kammer. Die Päckchen türmten sich bereits bis zur Decke. Schnell schlug er die Tür zu, vergewisserte sich, dass das Schloss hielt und tauchte langsam aus der kurzen Reise in sein inneres Ich wieder empor. Irgendwann würde sein Sündenzimmer die Erinnerungen nicht mehr zurückhalten können, das Schloss bersten und ihn weinend und schreiend zusammenbrechen lassen. Aber bis dahin hielt ihn diese Art der Bewältigung am Leben. Er konnte nicht in der Vergangenheit leben, musste weiter seinen Weg gehen, der oft aus Schmerz bestand. Seinem oder dem von anderen. Zu oft, um die Erinnerungen wie der Durchschnittslod mit ein paar Cidration und einer Prise Meeresstaub in der Nase wegzubeamen.

Jonas wischte mit dem Ärmel des weißen Shirts über den vollends beschlagenen Spiegel des kleinen Badezimmers seiner Wohnung. Blonder Kurzhaarschnitt, eisblaue Augen, markig-kantiges Gesicht eines durchtrainierten Mannes. Eine feine Narbe, die sich quer über die rechte Wange zog. Eine Erinnerung an eine Zeit, als er das Sündenzimmer noch nicht eingerichtet hatte und die Gedanken an das gestern ihn bei einer unschönen Gelegenheit die Sekunde zu langsam hatten reagieren lassen. Als es drauf ankam. Würde ihm nicht wieder passieren. Oder er würde wenigstens dabei draufgehen.
Jonas schaute an sich herab, betrachtete die einfache Kleidung, die er sich auf dem Markt beim Rückweg eben schnell zusammengekauft hatte. Stabile Schuhe, grobe Latzhose, weißes Langarmshirt. Fehlte nur noch der Firmenaufdruck, dann wäre er direkt als – etwas zu sauberer – Hafenarbeiter durchgegangen. Aber für einen Packer sollte es reichen. Es war Zeit, Theater zu spielen!

„Sei gegrüßt, Versunkener, wie kann ich dir helfen?“ Das blonde Dummchen mit dem grenzdebilen Lächeln kam auf Jonas zu, wobei ihre dunkelblaue Robe hin- und her flatterte, nur gehalten von einem groben Strick um die Hüften.
Jonas setzte ein schüchternes Lächeln auf, dass er gekonnt in einem nervösen Augenflattern ersterben ließ. Er zog das Flugblatt der „Hellen See“ aus der Brusttasche der Latzhose und gab es der Frau.
„Ihre Kumpels haben gesagt, ich soll mal hierher gehen, um mein Leben zu überdenken. Oder so. Jedenfalls haben sie gesagt, ich bekäme was zu essen!“ Der Typ hungriger Arbeiter ging immer.
Das sah die Frau offensichtlich genauso, denn ihr Lächeln verbreiterte sich noch. Sie schob den Perlenvorhang zur Seite, der den kleinen Vorraum der Wohnung in Lod2 vom Hauptraum trennte.
„Klar, komm doch mit. Möchtest du ein Cidration zum Essen?“
Jonas nickte schüchtern, um schnell ein „Bitte eine große Portion“ hinterherzuwerfen.
Ein helles Lachen erklang, dann verschwand die Sektiererin hinter einem Raumteiler. Die Sekte „Helle See“, zu der Jonas seine Suche nach dem Begriff „Außermeerische“ geführt hatte, hatte offensichtlich Geld. Die große Wohnung in Lod2, seinen Recherchen nach „Kirche“ der Sekte, war erstaunlich groß, der Hauptraum musste gut neunzig Quadratmeter groß sein. Offensichtlich hatten sie drei Wohnungen nebeneinander gemietet und die Zwischenwände entfernt. Die überall an den Wänden aufgehängten Stoffbahnen in unterschiedlichen Abstufungen der Farbe blau verbargen Details wie weitere Eingänge oder gar Raumteilungen. Nur die Kochnische einer der Wohnungen war zu erahnen, denn dort war die Bekehrerin hinter einem Bambusraumteiler aus dem Uppland verschwunden und der Duft nach Algeneintopf kam nach einem leisen Pling herüber. Aufgewärmte Suppe. Naja, wenigstens gab es ein Algenbierchen nach arbiträischer Brauart dazu. Glücklicherweise war im Moment bis auf die „Empfangsdame“ niemand hier, das machte ihm sein Spiel leichter. Der Rest der Bande war wohl ausgeschleust.

Jonas ließ sich auf einen der sechs weißen Sitzsäcke plumpsen, die im Rund um einen kleinen Tisch angeordnet waren und quittierte den ihm dann entgegengestreckten Teller mit einem gierigen Blick. Schnell griff er nach dem Essen und der Flasche Bier und fing laut schlürfend an, den gar nicht so schlechten Eintopf zu vertilgen. Blondie ließ ihn gewähren, voller Magen hörte besser zu.
Als Jonas den Teller geleert hatte und ein halbes Cidration intus hatte, holte sie gut hörbar Luft und fing mit dem Unvermeidbaren an.
„Hast du schon einmal darüber nachgedacht, dass du dein Leben bisher verschwendet hast, Versunkener?“

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