Jonas´ Reise – Teil 5

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Der langsam laufende Fluss trug einen roten Faden aus Blut in seiner Mitte, bis er sich an der letzten Kachel vorm Duschablauf brach. Ex-Scholle hustete und spuckte Blut auf die Kacheln. Jonas fühlte sich leer. Wie immer, wenn er Informationen auf unfreiwillige Art herausholte. Es gehörte zu seinem Beruf als „Problemlöser“, dass er derartiges machen musste. Aber gefallen musste es ihm nicht. Jonas seufzte.
Er drückte den Kopf seines Opfers gegen die nasse Kachelwand und schaute ihm eindringlich in das Gesicht. Der Sandhandschuh hatte seine Spuren hinterlassen, aufgesprungene Lippe, lädiertes Auge, das volle Programm.
„Du musst mir nur sagen, wo Emilie ist, dann lass ich dich sofort in Ruhe. Bin weg und eine gute Stunde später sag ich jemandem Bescheid, der dich befreit. Alles shiny, mein Bester. Also rede!“
Sein Gegenüber lachte höhnisch, wobei die gesprungene Lippe das Geräusch unschön verzerrte. Dann spuckte er ihm schlagartig Blut entgegen, was auf Jonas´ Hose landete. „Klar, Mann. Klar.“
Es sah nicht so aus, als ob er reden wollte.
Jonas strich sich mit dem nassen Handschuh über den Kopf, um seine Faust dann unvermittelt vorwärts schießen zu lassen. Ein harter Schlag gegen Sebastians Brustkorb und das Opfer lag würgend und röchelnd auf der Seite, stetig durchnässt von der langsam laufenden Dusche. Auf kalt gestellt natürlich.
Das konnte dauern.

Beiläufig schaute Jonas auf die Uhr. Er bearbeitete Sebastian jetzt schon zwanzig Minuten. So langsam ging ihm die Geduld aus. Er ließ den Nacken krachend kreisen und blickte auf das Häufchen Elend hinunter, das an der Kachelwand lehnte. Viele hätten schon geredet. Entweder hatte Seb die Wahrheit gesagt und er wusste wirklich nichts oder das hier war ein harter Fall. Für jemanden, den Jonas auf 17 schätzte, war er auf jeden Fall ein echter Hammerhai.
Jonas zog sein Opfer hart hoch und zwang ihn in einen geraden Sitz an der Wand. Dann zog er betont langsam eine Druckspritze aus dem Mantel und hielt sie ihm unter die Augen.
„Weißt du, was das ist?“
Panik in den Augen seines Gegenübers. Aber kein Wort kam über die Lippen.
„Es wird dich schreien lassen, wie du noch nie in deinem jämmerlichen, non-shiny Leben geschrien hast. Und dann wirst du reden. Mir alles erzählen.“
Kunstpause.
„Aber ich will das nicht. Viel zu teuer, so eine Dosis, für einen solchen Walschiss wie dich. Also, rede, oder ich spritz dich bekloppt.“
Er hatte alles erwartet, aber kein Lachen. Sebastian schaute ihn an, das Zittern war aus dem Gesicht verschwunden. Beherrscht sah er Jonas an, noch nicht einmal die allgegenwärtige Angst lag mehr in seinem Blick.
Leise, fast verzückt, flüsterte Sebastian: „Ich komme, Außermeerische.“ Dann biss er hart zu, lächelte. Plötzlich verkrampfte sich sein ganzer Körper, Schaum vor dem Mund. Jonas sprang zurück, als hätte er die Barbara gesehen. Verdammter Mist! Sebastian wand sich noch ein paar Sekunden in knochenbrechenden Krämpfen, dann war es vorbei. Kein Laut kam mehr von dem Fast-Erwachsenen, das leise Plätschern der Dusche war der einzige Laut im Waschraum.

Jonas ging zügig durch die Gänge von Unten. Er konnte seinem Bauchgefühl also immer noch vertrauen. Als Problemlöser war es oft das einzige, worauf man sich verlassen konnte. Man machte die merkwürdigsten Aufträge für die seltsamsten Leute. Aber wer in diesem kleinen Kreis von Menschen seinem innerem Sonar nicht mehr zuhörte, konnte sich genauso gut ausschleusen lassen. Und sein Bauch hatte ihm schon beim Gespräch mit Emilies Vater mitgeteilt, dass das kein alltäglicher Auftrag werden würde. Bei einem Freundschaftsdienst war es das fast nie, aber dass er nun einen Toten auf dem Sündenkonto hatte, würde ihm noch zu schaffen machen. Sobald der Job gelaufen war, denn währenddessen schaltete man als Problemlöser sein Gewissen besser ab. Sonst verhungerte man in dieser Welt. Oder zögerte die eine Sekunde zu lang, um dann mit gebrochenem Genick im Müll zu verschwinden. Dass Seb sich umgebracht hatte, hätte er nicht verhindern können. Wer suchte bei einem so kleinen Fisch schon nach einem mit Gift gefüllten Hohlzahn? Zeug für die Agentenfilme, aber nicht für einen derart kleinen Fall. Aber spätestens jetzt war es eh keiner mehr.

Jonas ließ den Kaffee langsam die Kehle hinunter rinnen und genoss das Gefühl. Ein verdammt teures bei echtem Kaffee, aber das war es ihm wert. Hart arbeiten, hart feiern. Und wenn es nur eine Party der Geschmacksknospen war. Die Menschen strömten um das Café Paix herum, einem edlen Café auf der Lod3-Promenade, ihrem eigenen Rhytmus folgend. 16 Uhr. Ende der zweiten Schicht. Oder Anfang der dritten, je nachdem. Jonas hatte kein Schichtsystem, er war sein eigener Chef. Wenn der bloß nicht so knausrig mit dem Urlaub wäre. Er grinste und nahm einen weiteren Schluck des exzellenten Kaffes. So, zurück an die Arbeit. Er clippte seinen PDA vom Gürtel und loggte sich ins Lod-Citynet ein. Mal sehen, was das in Lod allgegenwärtige Datennetz so über „Außermeerische“ zu berichten wusste.

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