Jonas´ Reise – Teil 4

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Er hörte ein Schlurfen und mehrere Stimmen hinter der fadenscheinigen Tür, dann wurde sie zaghaft einen Spalt weit geöffnet. Die Rollen quietschten, als die Tür ein Stück in die Wand hinein geschoben wurde. Der Hausmeisterservice hier unten war sicherlich exquisit. Ein Schwall verbrauchter Luft schlug Jonas entgegen, dann kam ein „Wer´n da?“ grummelnd aus dem Dunkel.
„Gutwach“, gab er mit fröhlichster Stimme zurück. „Philipp Heimeblau mein Name, Tagelöhner-Anwerber. Ist Sebastian da? Ich hätte einen Job für ihn…“
Hektische Geräusche aus dem Dunkel, ein gehetztes „Komme gleich“, dann wurde die Tür abrupt zugezogen. Einen Anwerber wollte man doch nicht warten lassen. Keine dreißig Sekunden später kam ein junger Mann aus der gut fünfzehn Quadratmeter großen Wohnung, die spartanisch mit drei Doppelbetten, einem Schrank und einem Mini-Klo ausgestattet war. Übliche Heimstatt für die billigen Arbeitskräfte hier unten. Waren sie hier sogar schon auf Schichtschläfer-Niveau herabgesunken oder hatte wenigstens jeder „sein“ Bett? Müßig.
„Was für Arbeit hamm se denn?“
Jonas richtete seine Aufmerksamkeit auf den Mann, der wie eine halb ausgewachsener Fisch zwischen Jugendlichem und Erwachsensein steckte. Da seine Haare mit Tonnen von Gel als Platte gestylt waren, beschloss Jonas, ihn Scholle zu nennen.
Jonas zauberte sein freundlichstes Lächeln auf sein Gesicht und bemühte sich, in seinem weiten Mantel so geschäftsmäßig wie möglich zu wirken.
„Umzugs- und Renoveriungshilfe. Schleppen, abbauen, aufbauen … kannst du doch, oder?“
Angst blitzte in Scholles Augen auf. Wer hier lebte, brauchte Geld. Immer. „Klar, klar, bin stark und gut“. Und so eloquent, fügte Jonas im Geist hinzu. Scholles Stimme überschlug sich beim Reden. Wie alt war der Kerl im einfachen Blaumann mit dem Teller als Haare? Siebzehn? Und schon Unten? Oder immer noch?
Jonas schlug ein und ging dann lachend den Flur hinunter, woraufhin sich die treue Scholle sofort an seine Fersen heftete. „Perfekt. Du bist perfekt für den Job. Ich bring´ dich gleich hin.“

Achttausend ähnlich aussehende Gänge mit verlumpten Bettlern, dem Geruch von Drogenküchen in der schlecht umgewälzten Luft und ganzen Rinnsalen an Kondenswasser an verschmierten Gangwänden später, bogen Jonas und Scholle ein weiteres Mal ab. Und waren am Ziel. Jedenfalls an Jonas´. Er ging zügig zur verbeulten Tür des öffentlichen Duschraums, auf der im Moment ein großer „Geschlossen wegen Sanierung“-Zettel prangte. Eine für gut 300 LEX erkaufte Zahlenkombination später standen sie im gekachelten Umkleidebereich der öffentlichen Sanitäranlage. Zu Stoßzeiten konnten hier gut zweihundert Menschen gleichzeitig duschen, sich rasieren oder was man sonst hier Unten noch unter Hyginie verstand tun. Es waren schlicht zu wenige der Mini-Wohnungen hier mit Duschen gesegnet, daher hatte die Stadt diese Sääle eingerichtet. Schon, um Seuchen vorzubeugen.
Dutzende Plast-Kisten standen an den Wänden gestapelt, die Arbeiten sollten übermorgen beginnen. Ein Blick auf die bisherigen Armaturen und Duscheinrichtungen bestätigte das Bild, eine Sanierung war mehr als überfällig. Außerdem waren bald wieder Wahlen, da machte es sich sowas immer gut. Jonas schüttelte den Kopf, schaltete das Licht ein und ging tiefer in den Raum hinein. Scholle folgte ihm.
„Hier? Ich darf bei der Sanierung mithelfen?“ Helle Freude in der Stimme. Machte sich bestimmt gut bei den Prahlereien mit den Kumpels, bei etwas mitzuarbeiten, was in aller Munde war.
„Hab ich doch gesagt, dass es dir gefallen wird. Hab nur Gutes über dich gehört, Sebastian.“
Scholle machte einen Schritt zurück und Mißtrauen blitzte in seinem Gesicht auf. „Von wem?“
Mist, etwas zu dick aufgetragen. Jonas´ Gedanken rasten.
„Na, von deinem letzten Chef“, sagte er aufs Geratewohl. Offensichtlich falsch, denn Scholle drehte sich um und wollte wegrennen. Jonas seufzte, zog den Taser aus der Jacke und schoss dem jungen Mann in den Rücken. Scholle fiel vornüber auf die dreckigen Kacheln und tanzte den Elektrotanz. Als die Tasernadeln ihre Ladung abgegeben hatten, blieb er röchelnd liegen.

Jonas stellte den Drehknopf auf eiskalt und das Wasser an. Ein Blubbern in den altersschwachen Leitungen, dann kam erst rostig braunes, dann halbwegs klares Wasser aus dem Duschkopf und durchnässte Scholle. Wobei das binnen Sekunden nicht mehr ganz passte, das billige Haargeld gab Fersengeld und aus Scholle wurde Platschkopf. Auf jeden Fall ein wacher. Der Mann prustete, schüttelte sich und schrie. Jonas schlug ihm ins Gesicht, die Sandschicht im Handschuh dämpfte den Schlag. Jedenfalls für ihn, für Sebastian war er dadurch umso kraftvoller. Jonas stellte das Wasser ab und beugte sich zum Gefesselten herunter.
„Schrei ruhig, hier kann dich keiner hören.“
Der Angesprochene warf sich mit aller Gewalt in seine Fesseln, aber die Stahl-Handschellen gruben sich dadurch nur umso tiefer in Knöchel und Handgelenke. Das Spiel dauerte gut eine Minute, dann gab Sebastian auf und sah ihn mit zitternder Unterlippe an, schwankte zwischen Hass und Panik.
Dann wollte er diese Energie mal in auskunftsgebende Bahnen lenken.

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