Jonas´ Reise – Teil 3

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Jonas´ Reise – Teil 3

Jonas nickte dem gelangweilten Kellner hinter der Theke zu, der mittlerweile ein Loch in die Bar poliert hatte. Ob ihm die Haare wegen der schrecklich hämmernden Musik in alle Richtungen abstanden? Nicht auszuschließen. Er nahm den Mini-Faltbildschirm aus der Tasche, zog ihn auseinander und ließ Emilie ein paar Runden in ihrem neuen Kleid drehen, dass er ihr vor einem Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte. Als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Der Barkeeper schaute auf das Video, zu Jonas und zurück, dann zuckte er mit den Achseln.
„Was ist mit der Kleinen?“
„Sie soll häufiger hier gewesen sein. Mit wem? Und wann das letzte Mal.“
Der Barkeeper scannte ihn regelrecht, hinter der Stirn arbeitete es offensichtlich.
Jonas erleichterte die Gedankengänge mit einem 200-LEX-Schein, den Zottel zügig in seiner Hose verschwinden ließ.
„Letzten Samstag mit ein paar anderen Typen in ihrem Alter. Haben ganz harmlos gefeiert, aber je später der Abend, desto heftiger haben sie gesoffen.“
Jonas fixierte den Barkeeper. „Mann, lass dir nicht jedes Wort einzeln aus dem Schott ziehen!“
Zottel hob abwehrend die Hände. „Mach hier nicht den Okto-Pete, Alter. Chilly!“
Jonas würde ihm gleich „Chilly“ geben!
„Haben sich so richtig zulaufen lassen und ein paar ihrer Freunde sind ziemlich abgetickt. Haben die dann um 02 Uhr vor die Tür gesetzt. Wo die danach hin sind, weiß ich nicht…“
Das Wort „aber“ lag regelrecht in der Luft.
Jonas seufzte und legte einen weiteren Zweihunderter auf den Tisch. Gut vier Stundenlöhne in fünf Minuten verdient, guter Deal für Zottel.
Der Schein wanderte schnell zu seinem Verwandten und der Barkeeper lächelte. „Aber … ich kann dir die Adresse eines ihrer Freunde geben. Hatte hier eine Woche vorher einen Spiegel kaputt gemacht, daher haben wir die Personalien aufgenommen.“

Jonas zog den Mantel enger und versicherte sich zum dritten Mal in fünf Minuten, dass sein Taser, eine Pistole mit Strom-Betäubungspfeilen, geladen war. Lod5, das „Unten“. Lod war mit der Zeit in die Tiefe gewuchsen, in den Fels hinein. Und die Grundregel für Besucher war einfach: Je tiefer, desto schäbiger. Und er war verdammt tief. In den Ebenen der Kleinkriminellen, Tagelöhner und Drogenküchen. Da hatte sich Emilie ja wahrlich nette Freunde ausgesucht. Jonas´ Schritte hallten dumpf auf dem Stahlgitter des Gangs, ein fauliger Geruch stieg von der Brühe hoch, die darunter umher schwappte. Eine Schlange hatte sich vor einer Ausgabestation der Grünen Alge gebildet. Speisung für die Armen. Mutig von den Grünalgen, hier unten freiwillig zu arbeiten. Mutig und dumm. Wäre nicht das erste Mal, dass eine Armenstation wegen der Vorräte und Medikamentenschränke überfallen wurde. Hier unten ließ sich das Departement fast nie blicken und wenn, dann nur in Garnisonsstärke.
Jonas beschleunigte seine Schritte, bog in eine Seitengasse des unterirdischen Labyrinths ein und sah sich plötzlich einer Gruppe von jugendlichen Schlägern gegenüber, die einen Bettler zu Boden traten. Ein schwerer Stiefel krachte gegen das verdreckte Gesicht des Alten, die zerrissenen Lumpen sogen sich augenblicklich mit dem Blut der dicken Platzwunde voll. Zwei der Jungs schnellten zu ihm herum und taxierten ihn. Jonas ging zügig weiter, hörte hinter sich das Geräusch dumpfer Schläge und das Knacken von Knochen. Traurig, aber Alltag hier unten. Wenn er geholfen hätte, wäre er es, dem jetzt die Knochen gerichtet würden. Hier Unten kam man ohne Unterstützung einer Gang nicht weit, Taser hin oder her.
Zwei Abbiegungen später stand er vor Wohnungstür Nummer 124 und trat dezent gegen das verbeulte Fußblech der Tür. Wer hier auf das Funktionieren von Klingeln vertraute, dem war nicht mehr zu helfen.

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