Jonas´ Reise – Teil 2

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Jonas´ Reise – Teil 2

Jonas nahm einen tiefen Schluck Cidration, ließ das Algenbier die Kehle hinunterrinnen und seufzte laut auf. Nicht, dass es im Lärm der Kneipe jemand gehört hätte. Fast alle Gäste der gutbesuchten Sportbar schauten zur Übertragung der heutigen SpoHa-Partie. Leviathans gegen Algerdykerren, die Arbiträer würden mit den Uppländern den Boden aufwischen, das war jedem Anwesenden klar. Aber es war ein guter Grund, bereits jetzt ein Algenbier zu trinken und Fünfe gerade sein zu lassen. Jonas drehte den Kopf wieder zu Sebastien auf der anderen Seite des Tischs.

„Warum glaube ich bloß nicht, dass das ein freundschaftliches Besäufnis ist, zu dem du mich eingeladen hast?!“
Sebastien zuckte kurz zusammen, seufzte und schaute Jonas aus tiefen, traurigen Augen an.
„Erwischt.“ Er zögerte, dann: „Es geht um Emilie.“
Es musste Monate her sein, dass er die Tochter des Kneipenbesitzers das letzte Mal gesehen hatte. Ein lebenslustiges Mädel mit den wachen Augen ihrer Mutter gesegnet. Energiebündel. Und für ihre 18 Jahre nett anzusehen. Jonas lachte innerlich auf. Ein solcher Gedanke von jemandem, der die 40 bereits Jahre hinter sich gelassen hatte.
Jonas nickte, bedeutete fortzufahren.
„Sie ist verschwunden. Seit zwei Wochen. Keiner hat sie gesehen, ich habe überall herumgefragt.“ Tränen schimmerten in den Augen des Mannes. Jonas nickte. Er hatte Sebastien noch nie so gesehen. Der Hai von einem Mann hatte kampflustige Stawaner mit bloßen Händen aus seiner Bar geschmissen und mit gebrochenen Rippen noch zwei Arbiträer fertig gemacht. Aber Emilie bedeutete Sebastien alles, seitdem seine Frau bei einem Piratenüberfall vor zwei Jahren getötet worden war. Harte Zeiten. Er nahm einen weiteren Schluck des grünlichen Bieres.
„Erzähl mir alles, was du weißt“. Er würde helfen. Ehrensache für jemanden, der „Problemlöser“ in seiner Visitendatei stehen hatte.

In Gedanken versunken bahnte sich Jonas seinen Weg durch den Sündenpfuhl – Lod3, die mittlere Kuppel der Hauptstadt. Nullebene, Hauptstraße, brechend voll, zu jeder Uhrzeit. Jonas ließ sich mit dem Strom treiben, vorbei an aufmerksamkeitsheischenden Theatern, Strip-Bars und Drömhusens. Ob wohl der neue Film von Funda Fiel dort schon lief? Er würde nachsehen. Später.
Sebastien hatte ihm kaum etwas sagen können. Seine Tochter hatte sich in den vergangenen Monaten regelrecht von ihm abgenabelt, ließ ihn nicht mehr an ihrem Leben teilhaben. Kein allzu abnormaler Vorgang bei einer jungen Frau. Auch nicht, dass sie sich für längere Zeit nicht mehr hatte blicken lassen. Aber dass sie ihr Konto bis zum letzten Lex geplündert hatte und die Abschiedsuhr der Marine ihres Vaters ebenfalls weg war, stimmte dann schon bedenklich. Es sah der ehrlichen, vielleicht etwas naiven Emilie nicht ähnlich. Und er hatte dieses Kribbeln in der Nase. Es würde schuppig werden.

Um 100 LEX ärmer betrat Jonas Lod Brei. Die Disco hatte ihren lächerlichen Namen vormerklich der dauerlallenden Gästeschar zu verdanken, es war No-Brain-Unterhaltung, wie die Scientianer sagen würden. Was wohl heute auf dem Programm stand? Die Wahl zur Miss Oberweite oder doch zum Mister Knackarsch? Die Massen waren berechenbar. Wer einfache Unterhaltung im von Beats untermalten Ambiente suchte, kam ins Lod Brei. Der Laden war schlecht besucht, kein Wunder, es war gerade erst Mitte der zweiten Schicht. Vor Schichtende war es in den Discotheken selten voll. Das Drei-Schicht-System, das den Tagesablauf in Lod bestimmte, sorgte dafür, dass stetig jemand ins Bett ging während ein anderer sich auf den Weg zur Arbeit machte und ein Dritter seine Freizeit genoß. Lod schlief nie.

Er hatte sich etwas umgehört. Emilie hatte wenige Freunde, war etwas eigenbrötlerisch, womit sie nach ihrem Vater kam. Aber in ihrer Berufsschulklasse erzählte man sich, dass sie sich im Lod Brei ab und an etwas dazuverdiente. Natürlich ohne dass es Daddy wusste. Nicht gerade die Arbeitsstelle, die man gerne herumerzählte. Beim Servieren an den Arsch gepackt zu werden, war hier noch die harmloseste Anmache.

Jonas wich einem Besoffenen aus, der ihm im engen Eingangsbereich der Disco entgegentaumelte und stemmte sich gegen die akkustische Wand, die ihm entgegenhämmerte. Wummernde Bässe ließen seine Zähne vibrieren, als er die letzte Zwischentür passierte und direkt in der Haupthalle der Disco herausgespült wurde. Eine große Tanzfläche in der Mitte, drumherum Sitzecken und eine Bar samt kleiner Bühne. So weit, so einfallslos. Zu dieser Uhrzeit war auf der Tanzfläche kaum etwas los, was den DJ nicht störte, er jagte die Lautstärke stetig auf neue Höhen. Die meisten Gäste lümmelten in den Sitzecken oder saßen an der Bar. Wenn sie nicht gerade davor lagen. Jonas atmete tief durch, was er sofort bereute. Die Luftumwälzer der Disco waren wohl im Urlaub, grauenhaft. Dabei waren sie gerade mal vierhundert Meter unter dem Meeresspiegel, das bekamen sie ja sogar in Stawa besser hin. Er schüttelte den Kopf und ging außen an der Tanzfläche umher zur Bar. Irgendwer würde sich hier wohl an die hübsche Emilie erinnern. Dafür würde er sorgen.

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