Jonas´ Reise – Start und Teil 1

„Jonas´ Reise“ ist eine in unregelmäßigen Abständen fortgeführte Geschichte in der Welt von LodlanD (siehe Veröffentlichungen und LodlanD-Homepage). Ich möchte mit „Jonas´ Reise“ etwas experimentieren: Die Geschichte entsteht „on the fly“, also ohne vorheriges Durchplotten, ich möchte die Geschichte einfach sich selbst tragen und treiben lassen. Feste Veröffentlichungstermine wird es nicht geben, Ziel ist einmal die Woche, aber ich lege mich da auf nichts fest. Auch über die Länge mache ich mir erstmal keine Gedanken – irgendwo zwischen längerer Kurzgeschichte und kurzem Roman. 😎 Und nun viel Spaß mit Teil 1 von „Jonas´ Reise“. Die Kommentarfunktion ist auch in diesen Beiträgen aktiv, Feedback ist natürlich stets willkommen. Da es sonst nach einiger Zeit unübersichtlich wird, werden alle Teile von „Jonas´ Reise“ in einer eigenen Kategorie getaggt, so dass man sich nicht durch alle Blog-Beiträge suchen muss.

Jonas´ Reise – Teil 1

Jonas genoss den Augenblick. Die Hände flach am Körper stand er einfach still inmitten des Menschenstroms und nahm wahr. Den Geruch nach Salzwasser und Maschinenöl. Das Kreischen der Deckenkräne. Es wurde nur noch übertönt vom vielstimmigen Gewirr der Zehntausenden, die sich gerade im Innenhafen von Lod aus ihren Schiffen quetschten, um der Hauptstadt der zivilisierten Welt einen Besuch abzustatten. Oder wie er nach Hause zu kommen. Der stählerne Boden unter seinen Füßen vibrierte im Takt tausender Stiefel. Oder war es der Herzschlag dieser Metropole, die Hunderttausenden Heimstatt war?

Jonas reihte sich in den Menschenstrom ein, ließ sich treiben. Gepäck am Fließband abholen. Quengelige Kinder, die, endlich aus der Enge des Lod-Waters-Orcas befreit, ihren Bewegungsdrang stillen wollten. Die Orcas waren das Massentransportmittel schlechthin: Menschen wohin man blickte, auf engstem Raum beieinander, wurden in diesen gigantischen U-Booten durch die Weltmeere geschippert. Immer die Haupthandelsrouten entlang, die sternförmig ihren Ursprung alle in Lod hatten. Und ihr Ziel.

Er trat auf die Promenade, unter ihm breitete sich das Schauspiel von Schacherstadt aus. Marktstände wohin man blickte, fein gekleidete Geschäftsmänner neben Fischfrauen und Strömen an Touristen. Farbenfrohe Uppländer. Grimmig daherstapfende Stawaner. Streitlustige Arbiträer. Sie alle waren gekommen, Lod zu sehen. Er hingegen kam einfach nach Hause. Mit der geübten Bewegung eines Lodt sprang er in den PTIV – einen Endlosaufzug – und ließ sich auf eine höhere Ebene tragen. Nur wer zuviel Zeit hatte, drängelte sich durch die Marktebene. Einheimische kürzten über die höhergelegenen Ebenen ab, um an ihr Ziel zu kommen.

Die Stadt hatte ihn wieder. Die PTIS-Bahn ratterte in ihrer Schiene, die Gäste schaukelten im altbekannten Takt, der den Lodt in Fleisch und Blut übergegangen war. Jonas seufzte und strich sich über das Gesicht. Er freute sich auf sein eigenes Bett. Das Leben als umherziehender Mann für alle Fälle war ja ganz nett. Aber es ging nichts über die eigene Matratze, von fleißigen Uppländern per Hand hergestellt, fast unbezahlbar. Aber der Mensch verbrachte ein Drittel seines Lebens im Schlaf, da war etwas Dekadenz ruhig angebracht. Ein kleines Mädchen mit hellblonden Haaren schaute ihn vom gegenüberliegenden Sitz schüchtern an, ihre Hände umklammerten einen lila Oktopus. Er hatte schon mehrere Kinder im Orca damit spielen sehen. War wohl gerade in. Er lächelte die Kleine freundlich an, was ihre Mutter dazu veranlasste, schleunigst ihren Arm um sie zu legen. Sein Charme ließ wohl nach. Oder er sah so übermüdet aus wie er sich fühlte.

Das Adrenalin der Wiederankunft flaute langsam ab und Jonas schlurfte über den Gang von Lod2. Der Spitzname „Schlummerkugel“ kam nicht von ungefähr. Der Durchschnittslod wohnte in Lod2, einer der Hauptkuppeln von Lod. Wenn er es sich halbwegs leisten konnte. Wenn nicht, dann war seine Wohnung eben unterirdisch, im nicht enden wollenden Ganggewirr von Lod5, wo es schlechter wurde, je tiefer man hinabstieg. Die Bevölkerung von Lod war in den letzten Jahrzehnten stetig angewachsen, zusätzlicher Wohnraum war nur durch massive Erweiterung der Stadt möglich gewesen. Und da der Bau einer Kuppel ein Investment im Milliarden-LEX-Bereich war, grub man lieber in die Tiefe und Breite im unterirdischen Bereich. Außerdem hätte es nur das althergebrachte Design von Lod zerstört, wenn man neben die bisherigen Kuppeln eine weitere auf den Boden des Meeres geflanscht hätte.

Jonas zog seinen Koffer immer weiter über den beigefarbenen Flur, stets gleich aussehende Türen zogen an ihm vorbei. #313. Er war zuhause. Das Sensorsystem hatte ihn bereits erkannt und öffnete mit einem Zischlaut die Türen, ließ sie seitlich in der Wand verschwinden. Gähnend zog er seinen Koffer in die Wohnung, ließ den Mantel auf das Uppland-Imitat-Sofa fallen und verschwand im drei Schritte entfernten Bad. Es war immer schön, nach Hause zu kommen. Außerdem war es nach der Enge im Orca schön, endlich mal wieder Platz zu haben. Fünfzehn Quadratmeter ganz für sich allein. Bescheidender Wohlstand, Gutbürgertum.

Der Küchenvollautomat piepste und Jonas unterbrach seine Tätigkeit des Kofferausräumens. Drei Häufchen Wäsche auf dem hellblauen Bettbezug zeugten von seiner Arbeit der letzten Minuten. Dringend zu waschen, halbwegs tragbar, fast frisch. Der erste Haufen war zu groß. Er seufzte und notierte sich geistig, morgen einen Waschtag einzulegen. Er entnahm einen Pott dampfenden Algenkaffees aus der Klappe des Automaten und rief über den integrierten Bildschirm seine Mails ab. Einhundertfünfzig Nachrichten. Ohne die im Spam-Ordner. Er war zu lange weg gewesen. Jonas nahm einen tiefen Schluck Kaffee, ließ das warme Gebräu wohlig warm die Kehle hinunterrinnen und machte sich seufzend daran, die Nachrichtenflut zu ordnen. Es war doch immer wieder schön, nach Hause zu kommen.

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