Ich sterbe – oder nicht?

Ich öffne die Augen. Blut. Es läuft aus mir heraus, hat unter mir bereits eine große Lache gebildet. Verwunderung. Dann die Erinnerung. Das Messer – scharf und kantig zugleich – wie es in meinen Rücken eindringt. Kein Brotschneider, zweckentfremdet in heißem Zorn. Ein Kampfmesser, voller Zacken, das mir das Fleisch auf seinem Weg durch meinen Rücken aufreißt. Maximaler Blutverlust. Gemacht für schnellen Tod. Das Geräusch splitternder Knochen, Blut, das in meine Lunge schießt. Schwärze. Daher liege ich also auf dem Boden und spüre, wie mein Leben aus mir herausläuft. Langsam, denn es ist nicht mehr viel in mir. Ich kämpfe gegen die Bewusstlosigkeit, die gnädige Schwärze, will diesen letzten Moment noch wach erleben. Die Klumpen aus jahrzehntealtem Staub und Blut unter meinen Fingern fühlen, die Schmerzen begrüßen, die durch meinen Körper strahlen, denn sie trotzen dem Tod, schieben ihn ein paar Sekunden weiter in die Zukunft. Zukunft, die ich gern mit dir verbracht hätte, mein Schatz. Entschuldige mein schnelles Handeln, das mich in diese Lage gebracht hat. Du weißt, ich konnte nicht anders. Entschuldige meine Hektik, meine Kühle, meinen kalten Zorn, meinen heißen Zorn, entschuldige die Zeit, die ich mit meinen Spielereien vertan habe, statt sie mit dir zu verbringen. Ich habe jeden Moment mit dir geliebt. Schwärze.

Ich schreibe gerade an der Endszene meines Romans und stehe vor einer wichtigen Frage: Lasse ich einen bestimmten Charakter* sterben, oder nicht?

* Ob es ein weiblicher oder männlicher Charakter ist, möchte ich aus Spoiler-Gründen gerne offen lassen. Daher steht „Charakter“ in diesem Beitrag sowohl für männliche wie weibliche Handlungspersonen.

In meinen Shadowrun-Runden habe ich versucht, die Spielwelt konsequent zu halten. Shadowrun ist ein düsteres, gewalttätiges Spieluniversum und falsches Handeln am falschen Ort bedeutet den Tod… oder jedenfalls eine Nahtoderfahrung (sozusagen als Warnschuss vor den Bug, falls es sich um einen Spielercharakter gehandelt hat). Und nun zögere ich, einen Charakter zu töten. Er (siehe oben: oder sie) ist mir ans Herz gewachsen, ein liebenswerter Charakter, voller Ecken und Kanten. Ich habe ihm während des Schreibens mehr Platz eingeräumt, als ursprünglich von mir geplant, er hat diesen Platz einfach verlangt, diese Zeilen über sein Leben mit jedem weiteren Detail gerechtfertigt, das ihn interessant, liebenswert kompliziert und zum Teil auch schwer verständlich für seine Mitmenschen macht.

Aber nun hat der Charakter eine falsche Entscheidung getroffen. Aus seiner Perspektive eine absolut verständliche, aber in dieser Spielwelt mit diesen Ausgangsparametern (bestimmte Charakter- und Handlungskonstellationen) eine tödliche Entscheidung. Wurde von einem Kämpfer hinterrücks überrascht. Mehrere Messerstiche in den Rücken. Miese Gegend, keine Abdeckung durch BuMoNa (eine Art Pay-per-Doc-Service in der Shadowrun-Welt) und auch der nächste Straßendoc zu weit entfernt (und dort müsste er/sie ja auch erstmal hinkommen). Sieht schlecht für ihn/sie aus, keine Frage. Aber dennoch zögere ich. Weil ich den Charakter aufgrund seiner Vielfalt und liebenswerten Macken mag und ihn gerne als Überlebenden in meiner geistigen Liste geführt hätte.

Und nun? Lasse ich den Charakter sterben? Greife ich in die Trickkiste? Baue ich die Szene um, auch wenn mir dies widerstrebt, weil ich sie in ihrer Dramatik als genau passend empfinde? Oder lasse ich einen Charakter sterben, weil er zur falschen Zeit so gehandelt hat, wie es für ihn einzig konsequent war?

Man liest sich…

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4 Kommentare

  1. Schreib … beide. Die „Ueberleben“-Szene muss auch so gut sein, wie du sie machen kannst (also: besten Ausweg finden). Ich wuerde beides an Testleser geben – und die Entscheidung quasi ganz am Schluss (in der Ueberarbeitung, wenn das Feedback kommt) treffen.

    Dann kannst du sehen, ob du richtig liegst. Ich sehe das aehnlich wie du mit Shadowrun. Ich sehe aber auch, dass Leser dazu tendieren, einem liebgewonnenen Charakter das Leben „zu goennen“, insbesondere, wenn er es durch seine Handlungen „verdient“ hat (poetische Gerechtigkeit).

    Und ich sehe die Eigenart von vielen Autoren, Charaktere zu toeten, wenn ihnen nicht besseres einfaellt (kommt massenweise vor – ist aber keine Unterstellung in deinem Fall), bzw wenn sie nicht wissen, wie sie’s sonstzuende bringen sollen.

    Von daher: musst du nicht zwanglaeufig jetzt entscheiden.

  2. Hallo JT,

    also wenn Dir der Charakter so ans Herz gewachsen ist, machs wie Alex sagt, schreib beide Enden und lass Dich von Deinen Testlesern inspirieren.

    Ich seh das „lebende“ Ende, allerdings bei der beschriebenen Szene in etwas weiterer Ferne. Aber Magie BuMoNa DocWagon oder Schicksal sind ja unberechenbar 🙂

    Wenn der Char allerdings den Hintern zukneift, dann bitte nicht ganz so plump, sprich „es musste einfach sein“.

    In diesem Sinne
    Andre

  3. Moin JT!

    Keine Ahnung ob der Zeitpunkt der Szene es im Roman zulässt, aber wenn du dir (nach allem – zB der oben beschriebenen „Abstimmung“ der Testleser) noch unschlüssig sein solltest, könntest du versuchen den Ausgang der Situation offen zu lassen. Jeder Leser kann dann für sich interpretieren, kommt er durch (Liebhaber des Charakters) oder verreckt er jämmerlich (Liebhaber des düsteren SR). So könntest du bei Zeiten auf den Charakter zurückgreifen, wenn sich irgendwann einmal die Notwendigkeit/Chance bietet (hab ich jetzt an einen weiteren Roman gedacht?*dummdidumm*) oder eben nicht.

    Unabhängig davon (und ohne die Szene oder den Charakter zu kennen) finde ich es generell einen mutigen Schritt eine Hauptperson (bzw. wichtige Nebenrolle) zu töten. Das fand ich bei Andrés letztem Roman beispielsweise sehr wichtig und richtig. Es macht den Roman ernsthafter.

    In diesem Sinne…
    …bis die Tage…
    Ozzy

  4. Moin,

    ich muss Ozzy zustimmen.
    Aber bitte keine versteckte Trilogie 🙂 *jetztgibtsauaaufemesse*

    Gruss

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